Ein Wochenende in Rheinhessen: Wandern, Wein & leckeres Essen

Ein Wochenende in Rheinhessen: Wandern, Wein & leckeres Essen

Print Friendly, PDF & Email

Ihr Lieben, ich stelle immer wieder fest, dass man gar nicht so weit in die Ferne reisen muss, um vom Alltag entfliehen zu können und ein paar entschleunigende Tage zu erleben. Und ich erlebe immer mehr, wie wundervoll Deutschland als Reiseziel ist. Vor ca. zwei Monaten erst war ich in Rheinhessen, Deutschlands größter Weinregion – oder wie der „Rhoihesse“ sagt, der Toskana Deutschlands. Ein hübscher kleiner Fleck Erde, von dem ich euch heute etwas mehr erzählen möchte.

Ein Wochenende in Rheinhessen: Wandern, Wein & leckeres Essen

Ein paar Kilometer südwestlich von Mainz liegt Flonheim, ein ganz entzückender Ort inmitten der Weinberge. Und genau in dieser Flonheimer Weinbergslage befindet sich das kleine Winzerhotel Trautwein auf dem La Roche. Mit den 12 gemütlich eingerichteten Landhauszimmern kommt es hier definitiv nicht auf Quantität, sondern auf Qualität an. Alles ist liebevoll eingerichtet und bis ins kleinste Detail durchdacht. Von den Balkonen der Zimmer hat man einen atemberaubenden Blick in die Berge und ein großes, gemütliches Bett lädt zum einkuscheln ein. Die Nächte sind dunkel und still, wodurch ein erholsamer Schlaf garantiert ist. Die Atmosphäre des Hotels und der Umgebung lassen einen schnell vergessen, wie nah man eigentlich an den Großstädten des Rhein-Main-Gebietes dran ist. Die Inhaber haben ihr ganzes Herzblut in dieses Haus gesteckt und zeigen dies in jedem Detail. Gastfreundschaft wird hier jedenfalls sehr groß geschrieben.

Das Besondere an dem Haus ist jedoch, dass es das erste vegane Hotel in der Umgebung ist. Ich war echt sehr gespannt, wie mir ein veganes Wochenende gefallen würde, denn wer mich kennt weiß, dass ich sehr gerne Fisch und Fleisch esse. Und auch wenn man diese beiden Lebensmittel gut beim Kochen weglassen kann, ist der Verzicht auf Milchprodukte, Eier und Honig doch eine Herausforderung. Die Angst nicht satt werden zu würden, war natürlich total unbegründet, denn neben einem üppigen Frühstück gab es noch mehr leckere vegane Überraschungen.

So wurden wir bei unserer Ankunft mit einem kleinen Lunch begrüßt, bestehend aus verschiedene Flammkuchen, leckeren Dips, ordentlich gut gekühltem Weißwein und zum Nachtisch einen himmlischen Snickers-Muffin. Alles rein pflanzlich und doch überraschend lecker. Etwas enttäuscht war ich jedoch über die vielen Fleisch-Ersatzprodukte auf Soja-Basis, was nicht unbedingt sehr gesund ist. Zudem schädigt dies in der Produktion ebenso die Natur, wie der enorme Fleischkonsum, wie die WWF im Jahr 2014 bekannt gab. Die Sojaproduktion hat sich in den letzten Jahren verzehnfacht und durch die teilweise illegale Landnahme Regenwälder, Savannen und Feuchtgebiete zerstört.

Die Diskussion über die Vor- und Nachteile der pflanzlichen vs. tierischen Ernährung könnte hier jetzt ins unendlich gehen. Für mich ist Fakt, dass ich gerne mal vegan esse, dabei aber auf Ersatzprodukte verzichte. Vegetarisch gibt es dann doch öfter und Milch- sowie Fleischprodukte kaufe ich überwiegend Bio und aus der Region. Den Fisch fangen wir uns meistens direkt selbst vom Edersee, schonend und in den Mengen, die wir zu zweit verzerren können. Ich denke, dass ich damit einen guten und gesunden Mittelweg gehe, den ich mit meinem Gewissen und meine Werten sehr gut vereinbaren kann.

Unser Terminkalender war ziemlich vollgepackt, weshalb wir nach dem Mittagessen direkt zu einer Führung durch Flonheim aufgebrochen sind. Ein Ort mit ordentlich Charme. Hinter jeder Mauer versteckt sich ein großer Hof, ein gepflegter Garten oder ein verlockendes Weingut. Hier ist es eine wahre Herausforderung eine Hauswand zu finden, an der keine Weinreben in Richtung Himmel ranken. Dieser Ort wirkt, als sei die Zeit irgendwann mal stehen geblieben, ohne den Bezug zur Moderne zu verlieren. Beinah zu jedem Haus wusste die nette Dame, die die Führung mit uns gemacht hat, eine Geschichte zu erzählen. Am imposantesten fand ich jedoch die wunderschöne evangelische Kirche, die heute auch als Dom des Wiesbachtals bezeichnet wird. Auch hierzu hat die Ortsführerin natürlich eine Geschichte zu erzählen. So hat der damalige Küster die Kirche halb abgebrannt, bevor sie 1882 bis 85 aus dem bekannten Flonheimer Sandstein wiederaufgebaut wurde. Ein beeindruckendes Bauwerk, das einen magisch anzieht und so perfekt in diese Umgebung passt. Nicht umsonst sind die Einheimischen stolz auf ihre Kirche, wenn man bedenkt, dass der Kölner Dom aus denselben Steinen erbaut wurde.

Ebenso einen Besuch wert ist die Infothek. Hier kann man durch die Nachbildung eines ehemaligen Meeresstrandes in die spannende Unterwasserwelt von vor 30 Millionen Jahren eintauchen. Muscheln, Korallen und Haifischzähne zeigen eindrucksvoll die Vielfalt des damaligen Meeres. Ein sehr spannendes Thema, das viel Vorstellungskraft benötigt. Nach dem kleinen Rundgang durch Flonheim ging es in die Vinothek Klosterhof, wo uns Inhaberin Anke Schäfer mit ein paar Häppchen und einem gut gekühlten Riesling erwartete. Fast 30 Vinotheken gibt es in Rheinhessen, die das Gütesiegel der Weinerlebnisregion tragen. Manche Vinotheken verkaufen nur die Weine des eigenen Weingutes, in anderen kann man die Weine verschiedener Winzer probieren.

Damit wir auch zu keinem Zeitpunkt vergessen konnten, dass wir uns in der größten Weinregion Deutschlands befanden, gab es am Abend eine Sinnes-Weinprobe mit 6 Weinen und veganen Tapas im Hotel. Gastgeber Frank hat sich für diese Weinprobe einiges ausgedacht, um seinen Gästen zu zeigen, wie beeinflussbar unser Geschmack ist. Hättet ihr gedacht, dass die Farbe des Lichtes, ein schwarzes Glas oder das Zuhalten der Nase unseren Weingeschmack beeinflussen? Ich konnte es auch nicht glauben, bis ich es hautnah erlebt habe. Nach den 6 leckeren Weinen ging es zum Abendessen in das Restaurant zum Weingut Espenhof, in dem es ein schmackhaftes und fleischhaltiges 3-Gänge-Menü gab.

Am nächsten Tag stand der Alzeyer Wochenmarkt auf dem Programm. Da wir uns sehr auf das rheinhessische Marktfrühstück mit Weck, Worscht und Woi gefreut hatten, gab es im Hotel nur eine Tasse Tee, bevor wir in die schöne Altstadt getigert sind. Mir hat Alzey, die von den Einheimisch auch die heimliche Hauptstadt Rheinhessens genannt wird, sehr gut gefallen. In der 223 erstmals erwähnten Nibelungenstadt leben über 18.000 Menschen und man hat das Gefühl, dass sich ein großer Teil davon samstags auf dem Wochenmarkt tummelt. Aber wer kann solch einem Frühstück auch schon widerstehen? Ganz nach Mainzer Vorbild bieten die Stände zwischen 10 und 13 Uhr ihre Weine an und laden mit Bierzeltgarnituren und diversen Stehtischen zum Verweilen ein. Gut gestärkt sind wir anschließend noch etwas durch die Altstadt und den Rossmarkt gebummelt. Die kleine Innenstadt ist mit ihren Fachwerkhäusern und restaurierten Gassen sehr hübsch und definitiv einen Besuch wert.

Am Nachmittag durften wir dann am eigenen Leib erfahren, dass Winzern ein echter Knochenjob ist. Es ging mit dem Tracker in Richtung Weinberge, wo meterlange Weinreben darauf warteten, von uns geerntet zu werden. Das Winzerhotel Trautwein bietet seinen Gästen damit die Möglichkeit, die Entstehungsgeschichte derer Weine besser zu verstehen. Zur Weinlese mitzufahren, war zwar super anstrengend, hat aber eine Menge Spaß gemacht.

Mit Rebscheren bewaffnet haben wir uns also an die Arbeit gemacht. Es war ein herrlicher, sonniger Herbsttag, was die Arbeit deutlich erleichterte. Generell hatten wir an diesem Wochenende großes Glück mit dem Wetter. Es waren die letzten warmen Tage Ende September, die das Toskana-Gefühl (trotz der „schweren“ Arbeit) definitiv noch verstärkt hatten. Auch wenn wir die Trauben in mühevoller Handarbeit geerntet haben, kann Frank auf die Hilfe eines Vollernters zurückgreifen. Das ist übrigens ein ziemlich beeindruckendes Teil. Mit diesem Gefährt möchte ich jedenfalls nicht einparken müssen, auch wenn es nur die große Scheune ist, wo das Monstrum hineinpasst.

Bei der traditionellen Lese, wie wir sie gemacht haben, werden die reifen Trauben von Hand abgeschnitten. Dabei besteht auch die Möglichkeit nur die besonders reifen Trauben auszuwählen, um die Qualität des Weines zu steigern. Die Trauben sollten dabei, mit Ausnahme der edelfaulen Trauben, gesund sein. Die maschinelle Lese erfolgt hingegen durch einen Vollernter, der über die Weinreben durchfährt. Geerntet werden die Trauben dabei durch Klopfen und Rütteln. Die herabfallenden Trauben werden dann aufgefangen und über ein Förderband in einen Auffangbehälter geleitet.

Nach getaner Arbeit haben uns Frank uns seine Mama Margit mit einem veganen Zwiebelkuchen und dem hauseignen Federweiser belohnt. Anschließend ging es mit dem eigenen Schoppen-Express hinauf zum Flonheimer Trullo. In der Region ist das Weinbergshäuschen eine wahre Sehenswürdigkeit und Markenzeichen Rheinhessens. Man kann ihn über den Trullo-Wanderweg ab Flonheim erreichen. Am Trullo angekommen laden Tische und Bänke zum Verweilen ein und sollte es mal regnen, dient der Trullo als sicherer Unterschlupf. Das Häuschen ist eine Besonderheit und wurde im 18. Jahrhundert von italienischen Gastarbeitern aus Apulien gebaut. Ganze 3 Stück stehen in der Region um Flonheim. Auch wenn die Flonheimer die Geschichte Ihres Trullos stolz erzählen, historisch ist nicht belegt, ob die Rundhäuser aus Apulien wirklich als Vorbild dienten.

Am letzten Tag unserer Reise ging es auf eine der neun Hiwwel-Touren. Hiwwel bedeutet Hügel und davon gibt es in Rheinhessen reichlich zu sehen. Die schön angelegten Wanderwege sind das Aushängeschild der Weinregion. Abwechslungsreiche Wegeführungen, einen gute Beschilderung und vielfältige Einkehrmöglichkeiten lassen jedes Wanderherz höher schlagen. Die kürzeste Route erstreckt sich über 6,8, die längste über 13,2 Kilometer. Wir haben uns für die Mitte entschieden und sind die 10 Kilometer lange Hiwweltour „Heideblick“ gelaufen. Gestartet in Siefersheim, sind wir den Weg in umgekehrter Richtung gewandert. Es war sehr verlockend, nicht direkt am ersten Winzerstand anzuhalten, um einen gut gekühlten Wein zu trinken. Auch wenn die Tour nur auf den Schwierigkeitsgrad 2 von 5 eingestuft ist, geht es doch gut bergauf und wieder ab. Wir sind letzten Endes auf der Winzeralm eingekehrt, die am Wochenende bei schönem Wetter offen hat. Der Ausblick wurde sogar vom deutschen Weininstitut im Jahr 2016 zur Schönsten Weinsicht Rheinhessens gekürt.

Es war ein wundervolles Wochenende in Rheinhessen und ich habe es sehr genossen, kilometerweit auf die “rheinhessische Toskana” zu blicken, lecker zu essen, dabei die Seele baumeln zu lassen und trotz der vielen Programmpunkte zur Ruhe zu kommen. Hach, du schönes Rheinhessen, ich komme definitiv wieder!

Liebe Grüße,
eure Graziella ♥
.

Herzlichen Dank an die Rheinhessen Touristik für die Einladung. Mein Artikel bleibt davon allerdings unbeeinflusst und gibt meine eigene Meinung wieder. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.